Mini Vertikalen & mehr

IMG_3652An diesem Wochenende war es wieder soweit. In unregelmäßigen Abständen treffen sich altbekannte Weinfreunde, um in vergnüglicher Runde ihrem Weinhobby zu fröhnen.

Das übergeodnete Motto hieß dieses Mal: “Mini-Vertikalen & mehr”, d.h. wir betrachteten die Entwicklung einzelner Weingüter/Rebsorten im Lauf der Jahre. Von Top bis Flop war alles geboten.

Los ging das straffe Probenprogramm mit einem halbblindverkosteten Weisswein-Flight. Wir wussten zwar um welches Weingut es sich handelte, nicht aber welcher Wein sich in welchem Glas befand. Drei trocken ausgebaute Rieslinge verschiedener Qualitätsstufen des Weingutes Wegeler (Rheingau) von QBA über Spärlese bis hin zum Grossen Gewächs, waren in den Gläsern verteilt. Der erste Kandidat entpuppte sich als Riesling Spätlese trocken 2011, zeigte eine verhaltene Rieslingnase nach Pfirsich und Quitte, leicht mineralisch aber von Aromenfeuerwerk im Glas keine Spur. Am Gaumen dann spürbare Restkohlensäure aus der Gährung, fruchtig und mit einer spitzen ,fast brennenden Säure ausgestattet 86/100 Pkt. Dagegen wirkte der Riesling QBA trocken 2011 im zweiten Glas wesentlich zugänglicher. Neben Pfirsich und Quittenarmonen und Noten von exotischen Früchten, besaß der einfache (Gutswein) eine schöne Fruchtsüße und war schöner zu trinken, als die doppelt so teure Spätlese 87/100. Im dritten Glas zeigte das Grosse Gewächs trocken 2011 deutlich mehr Druck am Gaumen. Die Säure wirkte wesentlich “weiniger” und runder, aber das GG steht sicherlich erst am Anfang seiner Entwicklung – mindestens 2 Jahre bei Seite legen 89+/100 Pkt..

Im zweiten Flight ging es mit mit drei Rieslingen weiter. Die Fritz Haag Brauneberger Juffer Sonnenuhr Spätlese 2009 wirkte in der Nase leicht parfümiert. Dazu gesellten sich Noten von Pfirsich, Quitte, Litschi und exotische Früchte. Am Gaumen dann eine schöne Fruchtsüße und die dem Riesling eigene rassige Säure. Der Wein zeigte deutlich, dass der Jahrgang 2009 enormes Potential besitzt 89+/100 Pkt. Dagegen präsentierte sich der Fritz Haag Brauneberger Juffer Sonnenuhr Spätlese 2008 zwar in der Nase als Musterriesling, mit exotischen Aromen von Pfirsich, Ananas, Mango und Litschi, kam aber am Gaumen lange nicht mit dem 2009er mit und wirkte im Vergleich deutlich verhaltener 88/100 Pkt.. Der schönste des Tripplets war der Fritz Haag Brauneberger Juffer Sonnenuhr Spätlese 2007. Er zeigte bereits eine leichte Firne in der Nase,offenbarte aber auch ein komplextes Sammelsurium an exotischen Früchten. Am Gaumen dann kraftvolle Extraktsüße und eine weiche weinige Säure 91/100 Pkt..

Der nächste Flight stand unter dem Motto “Aktive Sterbehilfe”, denn die drei gereiften Rieslinge hatten ihren Höhepunkt, bis auf eine Ausnahme, bereits lange hinter sich.IMG_3655

Im ersten Glas präsentierte sich der Reichsgraf von Kesselstadt Wiltinger Braunfels Spätlese 1989 mit deutlicher Altersfirne und wirkte am Gaumen gezehrt und flach 75/100 Pkt.. Der noch am meisten intakte Wein kam dann im zweiten Glas zur Verkostung. Die Weingut Lauerburg Bernkasteler Badstube Spätlese 1975 zeigte in der Nase neben  leichter Firne auch gereifte Aromen von Orangenzesten und Liebstöckl. Am Gaumen noch intakt mit lebendiger und cremig-weicher Säure. Ein Beweis dafür, dass gereifte Rieslinge aus guten Jahrgängen eine Suche wert sein können 85/100 Pkt.. Die Schloss Rheinhartshausen Erbacher Brühl Spätlese Cabinet 1964 (kein Schreibfehler – als Cabinet wurden früher die Weine aus besten Lagen bezeichnet) war leider schon lange über seinen Zenit hinaus. Eine nach Petrolium duftendes Bouquet und die stechende Altersäure machten den Wein schier ungenießbar 69/100 Pkt..

Im ersten Rotweinflight ging es dann nach Spanien, genauer gesagt ins Kerngebiet nach Rioja. Der Azpilicueta Crianza 2009 der Bodega Juan Alcorta offenbarte in der Nase Noten von dunkler Kirsche, ätherischen Ölen, Rosmarin und Röstaromen. Am Gaumen dann süßliche weiche Gerbstoffe, einen mittleren Körper und leichte Vanille-Aromen aus dem Fassausbau. Alles in allem ein süffiger, gut gemachter Rioja 86/100 Pkt.. IMG_3659
Die Crianza 2008 präsentierte sich ähnlich wie der 2009er, mit vielschichtigem Duft nach Kirschen, Pflaumen und Rosmarin. Am Gaumen schmelzig mit mittlerem Körper, die Gerbstoffe wirkten im Vergleich jedoch trockener und astringierender, als beim Crianza 2009 87/100 Pkt.. Im dritten Glas kam dann die Reserva 2007 zum Zuge. Mit diesem Wein hatte ich so meine Schwierigkeiten. Bereits in der Nase deutliche Rostaromen und Vanille aus dem Fass. Dieser Eindruck setzte sich dann auch am Gaumen fort. Die Gerbstoffe wirkten rauh, trocken und unausgereift. Hier hatte man es mit dem Holzausbau eindeutig übertrieben, den die Aromen des Holzfasses überdeckten die Frucht komplett. Ich wage zu bezweifeln, ob sich die Gerbstoffe in einem Maße abbauen, dass die Frucht in Zukunft je wieder zum Vorschein kommt! 84/100 Pkt.

Im nächsten Flight ging es nach Frankreich, genauer gesagt in die Appelation St. Estephe und stand unter dem Motto: “Etikettenwein?!”.
Der Cos d´Estournel 2002 duftete zu Beginn nach schwarzen Johannisbeeren, Zigarrenbos und Leder. Am Gaumen dann Rostaromen, Kaffe, Mokka, Kräuteraromen, wirkte jedoch auch leicht reduktiv. Ich vermute, dass der 2002er sich wieder etwas verschlossen hat und erstmal warten angesagt ist, bis er sich vielleicht in 5 Jahren wieder in einer generöseren Trinkphase befindet 90+/100 Pkt.. Im Glas daneben ein bereits deutlich gereifter Cos d´Estournel 1966 in einer Riedemeister&Ulrichs Abfüllung. Bis in die 70er Jahre hinein war es in Frankeich üblich, dass die Weingüter ihre Weine nicht selbst auf die Flasche brachten, sondern sie im Fass an Zwischenhändler verkauften, die dann die Weine in Eigenregie in Flaschen abfüllten. Rubinrot mit leicht bräunlichem Rand floss der Wein ins Glas. In der Nase duftete der Cos nach tertiären Aromen wie Leder, Liebstöckl und Sherry. Am Gaumen wirkte der Wein dann etwas rustikal und schlank. Wahrscheinlich hatten wir nicht nicht die beste Flasche erwischt 89 Pkt..IMG_3664
Meiner Meinung zufolge, sind die Weine von Cos d´Estournel bezüglich ihres Preis/Genussverhältnisses tendenziell überteuert. Bei Flaschen-preisen ab 100 Euro aufwärts muss eigentlich mehr Performance kommen. Mein Tipp: Überlassen sie diesen Wein den Etikettentrinkern und kaufen sich vom gleichen Geld fünf Flaschen von kleineren Gütern aus großen Jahrgängen wie 2000 und 2005.

Im anschließenden Flights erwartete uns bezahlbarer Bordeaux mit deutscher Handschrift. Das nur 5 Hektar große Weingut Le Pin Beausoleil Bordeaux Superieur wurde 2004 vom deutschen Ehepaar Ingrid und Michael Hallek gekauft und zeigt seither eine progressive Entwicklung. Der Cuveé aus 30 jährigen Rebanlagen setzt sich aus 60% Merlot, 20% Cabernet Sauvignon und 20% Cabernet Franc zusammen. Handlese und Ausbau in 100% neuen Barriques sind selbstverständlich. Dementsprechend vielschichtig und kraftvoll zeigen sich die Weine der Halleks und zeugen von einer soliden Handarbeit.

Der Le Pin Beausoleil 2008 wirkt noch sehr jung, expressive komplexe Nase nach schwarzen Johannisbeeren, Leder, Tabak, Röstaromen und Wiesenkräutern. Am Gaumen druckvoll und kräftig, schöne Extraktsüße, mit noch sehr jungen präsenten Gerbstoffen, die bei aller Jugendlichkeit doch reif und süß gewoben sind. Beginnt gerade in die erste Trinkphase zu kommen 90/100 Pkt.. Beim Le Pin Beausoleil 2005 zeigt sich einmal wieder, welches Potential der Jahrgang 2005 in Frankreich besitzt. Ausdrucksstarke Nase nach dunklen Beeren, Zigarrenbox, Leder und Kräutern. Viel Druck am Gaumen, dicht, komplex,  kraftvoll mit süßlichen kräftigen Gerbstoffen.

IMG_3666 Im Moment ist der Le Pin Beausoleil 2005 aber noch viel zu jung. Der Jahrgang entwickelt sich nur sehr langsam und wird wahrscheinlich erst in 4-5 Jahren zur Trinkreife kommen.  Die Schlauen kaufen sich, bei einem Flaschenpreis von 20 Euro, heute eine Kisten Le Pin Beausoleil 2005 und freuen sich morgen über einen perfekt gereiften, ausdrucksstarken Bordeaux.
Die weniger Schlauen kaufen sich eine Flasche Mouton Rothschild aus einem mittelmäßigen Jahrgang für´s gleiche Geld.

Schwäbisches Know-how vom Grafen Neippberg versprach der nächste Flight. Die wohl besten drei Jahrgänge des letzten Jahrzehntes 2009, 2005 und 2000 standen zum Vergleich. Noch sehr jung und knackig, der Chateau d´Aiguilhe 2009. IMG_3668
Der Wein besteht aus 80% Merlot sowie 20% Cabernet Franc und zeigt wie perfekt die Wachstums-bedingungen im Jahr 2009 waren. Voilettrot in der Farbe,  Komplexe Nase nach roten Früchten, Dörrpflaumen, Röstaromen und Gewürzen. Ein vollmundiger, fleischiger Geschmack am Gaumen mit kraftvollen reifen Gerbstoffen. Befindet sich erst ganz am Anfang seiner Entwicklung. 90+/100 Pkt..

Im zweiten Glas der Chateau d´Aiguilhe 2005. Ein Kraftbolzen mit viel Potential, der noch lange nicht trinkreif ist. In der Farbe ein dunkles Rubinrot. Komplexer vielschichtiger Duft nach dunklen Kirschen, Pflaume, Johannisbeere, Pilzen, Kaffee und Gewürzen. Am Gaumen ein opulenter Wein mit Fülle und Üppigkeit. Die kräftigen schmelzigen Gerbstoffe wirken noch jung und werden dem 2005er sicherlich noch ein langes Leben bescheren. 91+/100 Pkt.. Der Wein des Abends hieß Chateau d´Aiguilhe 2000. Ein wundervoller Wein. Perfekte Balance. Eine dichte dunkelrote Farbe, komplexer Duft nach Pflaumen, dunklen Beeren, Kaffee und jugendliche Röstaromen. Am Gaumen eine gute Balance,  schöne Extraktsüße und reife süßliche Gerbstoffe. Kaftvoll und lang im Abgang. Ein Wein der locker in der Liga der Premier Crus mitspielen kann 95/100. Kaufen!

Etwas filigraner ging es im nächsten Flight weiter. Von der Cotes de Castillon machten wir nur einen kleinen Sprung hinauf ins Haut Medoc. Der Chateau Sociando Mallet 2006 wirkte zu Beginn verschlossen und unnahbar. Weinig Frucht, kräuterwürzig und noch deutliche Eichentöne aus dem Fass 89+/100 Pkt.. Auch der Chateau Sociando Mallet 2004 präsentierte sich in ähnlicher Form.IMG_3673 Leichte Aromen von dunklen Beeren, noch immer präsente jugendliche  Tannine 888/100 Pkt.. Eher ein Wein für Schatzsucher! Am zugänglichsten präsentierte sich der Chateau Sociando Mallet 2002, dessen Gerstoffe zwar noch kräftig waren, die Frucht aber begann sich langsam zu zeigen 89/100 Pkt..

Alle drei Weine zeigten deutlich, dass Weine von diesem Gut etliche Jahre brauchen, um ihre optimale Trinkreife zu erreichen.

Zum Abschluss knallte es dann nochmal heftig in unseren Gläsern. Ich bin immer wieder entzückt, welchen fast schon aggressiven Fruchtextrakt restsüße Rieslinge entfalten können. Im ersten Glas erwartete uns Baron Knyphausen Erbacher Steinmorgen Riesling Auslese 2011 “Versteigerungswein”. Ein Elexier par excellence! In der Nase expressive Aromen von Aprikosen, Pfirsich, Ananas und weiteren exorischen Früchten. Am Gaumen dann ein Feuerwerk der Aromen nach Pfirsich, Birne und wieder exotische Früchte. Hohe Extraktsüße gepaart mit einer dem Riesling eigenen rassigen Säure, die die Frucht wunderbar ausbalanciert und der Auslese ein langes Leben garantiert. Das perfekte Säure-Frucht Spiel wirkt einfach betörend 95/100 Pkt..IMG_1179

Im zweiten Glas dann der Dr. Nägler Rüdesheimer Berg Rottland Riesling Auslese 2010 “Versteigerungswein”.
Das Bouquet strömte regelrecht aus dem Glas heraus. In der Nase Pfirsich, Birne, Melone und Holunder. Am Gaumen wieder ein fast aggressiver Fruchtextrakt nach Melone und Pfirsich. Sehr gutes Säure-Frucht Spiel, die den Wein niemals süßlich oder “pappig” – wie der Schwabe sagen würde -wirken ließ 94/100 Pkt.. Interessant war der Unterschied zum Jahrgang 2011. Es zeigt sich bei diesem Vergleich wieder sehr deutlich, dass der Jahrgang 2010 eine deutlich spitzere Säure besitzt, als der Jahrgang 2011.

Im dritten Glas erwartete uns mit dem Schwarzhofberg die wohl beste Lage an der Mosel (zusammen mit dem Bernkasteler Doctor). Der Reichsgraf von Kesselstadt Schwarzhofberger Riesling Auslese 2005 Fuder 10 zeigte wieder einmal, wie ausdrucksstark die Auslesen von der Mosel sein können. Im Duft überwältigend reich an Frucht und Blütenaromen: Pfirsich, Aprikose, Holunder- und Lindenblüten, Honig. Am Gaumen dann eine strahlende Säure, die die Balance zu der honigartigen Süße perfekt herstellt. Schöne Mineralität und ein langer saftiger Abgang. Ich bin immer wieder über das vibrierende Spiel der Aromen mit der Süße und Säure entzückt 96/100 Pkt.. Im Volksmund heißt es nicht zu unrecht: “Die Tränen der Engel”.

Alles in allem ein sehr vergnüglicher Abend mit vielen Highlights, aber auch einigen Talsohlen, die wir durchschreiten “mussten”. Aber wie der Fussballer sagen würde: Nach der Probe ist vor der Probe. Im diesem Sinne bis zum nächsten Mal.

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